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Freitag, November 13, 2015

Review: John Allen - Orphan Keys

Vor einiger Zeit habe ich John Allen durch Zufall im Circus Maximus in Koblenz gesehen. Eigentlich wollte ich an dem Abend nichts unternehmen, aber eine Freundin hat mir nur geschrieben: "Die Musik ist gut und der Cuba kalt". Also bin ich dann doch hin und habe mich davon überzeugt, dass der Cuba wirklich kalt ist und auch noch gut schmeckt und dass dieser John Allen auf der Bühne wirklich tolle Musik macht. Eine Mischung aus Frank Turner und Chuck Ragen mit Springfield-esken Ausflügen. Folk trifft Rock trifft Americana. So in der Art.
Nach dem Konzert und dem ich glaube dritten Cuba habe ich noch ein wenig mit ihm geredet und sein Album "Sophomore" gekauft. Eine schöne Platte.
Vor kurzem hatte er wieder einen Auftritt in Koblenz. War wieder da, war wieder schön. Diesmal habe ich mir seine EP "Orphan Keys" gegönnt. Hier dann also das Review:
Er möchte eine Platte nur mit Piano und Gesang machen, steht im Klappentext des Booklets. Eine Platte, die nach einer dreckigen Bar, einem 20er Jahre Jazzclub klingt. Roh, nicht überproduziert, rauh, ein wenig unperfekt. Und was soll ich groß sagen? Experiment gelungen. Das Piano und John's stellenweise etwas heisere und wohl gewollt brüchige Stimme ergänzen sich super und tragen sich gegenseitig.
7 Songs kann man hören, 5 aus John's Feder, 2 Cover ("America" von Simon & Garfunkel und "Ruby's Arms" von Tom Waits). Allesamt perfekt auf die minimalistische Instrumentalisierung abgestimmt. Selbst bei "Thou shalt be saved" wurde die ansonsten treibende Energie der Gitarre in die unterschwellige Kraft des Piano gewandelt. Textlich hat es mir "Close Your Eyes" besonders angetan. "See the birds on the horizon // they're not really free // the truth ist they are chained to the sky // there's beauty all around us // we just need to see // but we're just paper bags trying to fly".
Einziger Wehmutstropfen ist das letzte Lied "Home". Hier ist dem ruhigen Piano-Man wohl der Geduldsfaden und auch eine Membran im Mikrophon gerissen. Mit verzerrter Stimme und abgehackten, wütendem, an eine gruselige Seefahrerkneipe erinnerndem Pianospiel kämpft er sich förmlich durch das Lied. Auf den ersten Augenblick etwas lustig, weil unvorhergesehen und ein Bruch zu den restlichen Liedern. Aufs zweite Hören dann doch etwas übertrieben. Hier hätte er viel mehr rausholen können. Das ist schade. Aber ok. Liegt vielleicht auch daran, dass es in der Origialversion mein persönlicher Favorit seiner Lieder ist. Bin also etwas voreingenommen.
Mit der rundum ruhig und gediegenen Athmosphäre der Platte liefert John Allen den perfekten Soundtrack sowohl für das romantische Candlelight-Dinner (und zu allem, was danach kommen kann), als auch für einen ruhigen Abend mit Buch und Rotwein.
Und ja, es klingt wirklich nach einer verrauchten, dreckigen, dunklen Pianobar um 5 Uhr morgens, wenn die letzten Gäste in ihren letzten Drink starren, nicht gehen möchten, der Barkeeper die Theke abwischt, aber verständnisvoll nickt, wenn einer dieser letzten Gestalten an der Bar nur stumm auf sein leeres Glas zeigt. Besonders bei "Criminals & Baseball Stars" hat man das Gefühl, dass gleich Billy "Piano Man" Joel um die Ecke kommt und sich zu John an den Flügel setzt.
Alles in Allem ein intensive, intime Scheibe mit unglaublicher Authentizität.
Auf "Sophomore" von 2014 singt John in dem bewegenden Lied "Blood Brothers": "Someone I once knew who I think is wise // Said life is just a series of hellos and goobyes". In diesem Sinne kann ich nur sagen: "Hello John!".

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